Der Trauerparcour in Mengede

Eine besondere Idee für den Friedhof – getestet bei schönstem Frühlingswetter mit eigenen Füßen: der Trauer-Parcour auf dem evangelischen Friedhof in Dortmund-Mengede. Pfarrer Gerd Springer geht voran und ein Dutzend Interessierte folgen. Durch spielerisch und handwerklich ausgefeilte Konstruktionen verschiedener Materialien sollen hier die unterschiedlichen Trauerphasen erlebbar gemacht: Schock, Wut, Unsicherheit, Rückzug und Akzeptanz.

1. Station: Rampe

Sturz ins Bodenlose…

Die Idee dahinter: Der Tod kracht ins Leben, endgültig und  unwiederbringlich − ein Sturz ins Bodenlose. Die Stufe gleich hinter dem  Eingang lässt uns 40 Zentimeter tief fallen. Doch, das wirkt.

„Selbst wenn ich mich lange darauf vorbereiten kann, der Tod kommt doch immer plötzlich. Ich funktioniere wie ein Automat, ohne Gefühle für das Geschehene. Ich stehe neben  mir und alles zieht wie ein Film an mir vorbei. Ich bin nicht mehr ich selbst.“

Unsere Erfahrung: Die Älteren in unserer Gruppe trauen sich diese Stufe nicht zu, und ja, 40 Zentimeter sind schon etwas….

 

2. Station: Labyrinth

Das Labyrinth

Die Idee dahinter: Auf einmal ist alles anders. Es entsteht – das belastende Gefühlschaos.

„Wünsche, Träume, Gewohnheiten – alles ist fort. Wie in einem Labyrinth, ohne Perspektive, taste ich mich quälend langsam voran. Ich finde meinen Weg nicht. Ich bin verzweifelt. Ich weiß nicht mehr weiter. Ich werde beherrscht von unterschiedlichen Gefühlen, die wie Salz in eine offene Wunde eindringen. Mein Verstand und meine Emotionen passen nicht zusammen.“

Unsere Erfahrung: Schön gemacht, dass man schon nach der ersten Kurve den Partner, die Partnerin nicht mehr sehen kann und sich auf sich allein gestellt fühlt.

3. Station: Balancierhölzer

Balancieren auf Unebenheiten

Die Idee dahinter: Auf der Suche nach Halt und Geborgenheit.

„Ich bin aus dem Takt geraten und habe mein Gleichgewicht verloren. Ich brauche Halt. Auf unsicherem Grund balancierend, gerate ich schnell aus dem Gleichgewicht. Mein eigener Trauerweg wird immer wieder  unterbrochen. Die Perspektive ändert sich permanent, so wie auch die Erinnerung an den geliebten Menschen.“

Unsere Erfahrung: Ganz schön kippelig. Wir müssen auf jeden Schritt achten und vorsichtig sein.

4. Station: Hügelpfad

Ein ständiges Auf und Ab

Die Idee dahinter: Ein ständiges Auf und Ab begleitet die Trauer.

„Auf und ab führt mich mein Trauerweg. Mal geht es mir besser, mal schlechter. Trotz der vorangeschrittenen Zeit gibt es immer wieder Momente, in denen mich der Schmerz plötzlich übermannt. Ich bin ihm hilflos ausgesetzt und habe das Gefühl, nie wieder aus diesem tiefen Tal herauszukommen. Es geht nur in kleinen Schritten aufwärts, den Hügel hinauf. Augenblicke des Lichts sind da, aber kann ich
sie greifen? Auch das ist anstrengend und zehrt an meiner Kraft. Ich probiere eine vorsichtige Annäherung an das ganze Ausmaß meiner Trauer. Wie viel kann ich mir zumuten?“

Unsere Erfahrung: In echter Trauer wüchsen die Berge wohl höher hinauf und hinab, aber als kleine Erfahrung interessant und darüber hinaus sehr hübsch anzusehen.

5. Station: Bänke

Jede Trauer braucht auch mal eine Pause

Die Idee dahinter: Jeder Trauerweg braucht eine Pause.

„Trauern ist anstrengend. Ich kann nicht immer funktionieren. Ich darf mich auch ausruhen, ich darf mich hinsetzen und Kraft schöpfen. Denn Trauern ist ein Prozess, der Zeit braucht. Der Trauerweg erscheint mir wie ein Wüstenweg. Es gibt nur wenige Oasen zum Ausruhen, die ich erst finden muss und dann auch nutzen muss. Nach der Phase der Einkehr und der Rückschau wird nun mein Blick nach außen und nach vorne wieder klarer.“

Unsere Erfahrung: Oh ja, das sind sehr bequeme Bänke, wir wollen gar nicht mehr aufstehen.

6. Station: Würfel

Perspektivenwechsel. Im Inneren lässt der Würfel nur ein paar „Lichtblicke“ zu.

Die Idee dahinter: Bewegung auf dem Weg der Trauer.

„Auf den Verlust reagiere ich mit der Suche. Welche Öffnung und welche Perspektive erscheinen mir auf meinem Weg? Ich halte immer wieder Ausschau nach dem Verstorbenen, nach gemeinsamen Erinnerungen und Erlebnissen sowie nach bestimmten Orten, an denen wir zusammen waren.
Das tut mir gut − ebenso wie die Zwiesprache mit ihm, ob am Grab oder an anderer Stelle. Manchmal kommt es mir vor, als gebe er mir einen Rat oder eine Hilfe, Entscheidungen zu treffen. Es ist wie ein Suchen, Finden und mich wieder Loslassen: eine Begegnung und eine Trennung, schmerzhaft und schön zugleich. Kann ich nun den Schritt durch diese große Öffnung wagen?“

Unsere Erfahrung: Ein tolles Objekt. Im Innern fühlt man sich nicht „wohl“, weil etwas beengt. Aber es ist eine wunderbare Erfahrung, die Welt nur in so kleinen Ausschnitten wahrnehmen zu dürfen und selbst kaum gesehen zu werden.

7. Station: Lichtwand

Die Idee dahinter: Wertvolle Perspektiven für das Leben.

Die Welt zeigt sich wieder

„Langsam erkenne ich, dass ich mein Leben mit der Lücke und den Veränderungen leben muss. Ich übernehme wieder mehr Verantwortung für mein Leben. Es kommt die Zeit, in der ich wieder neue Pläne schmieden kann. Ich bin in der Lage, mich wieder mit anderen zu vernetzen.

Der Trauerprozess hat Spuren hinterlassen. Meine Einstellung zum Leben hat sich verändert. Der Verlust bleibt ein Teil meines Lebens. Der Verstorbene lebt weiter in meinen Erinnerungen und im Gedenken. Er kehrt auf eine andere Weise und ganz neu zurück. Ich suche ihn nicht mehr außen oder nur auf dem Friedhof, weil ich mich mit ihm tief in der Seele verbunden fühle. Was er mir bedeutet hat und wie er mich geprägt hat – alles lebt nun in mir weiter. Der Verstorbene wird zu einem Teil meiner selbst und wird es immer bleiben.“

Unsere Erfahrung: Ein tolles Objekt. Im Innern fühlt man sich nicht „wohl“, weil etwas beengt. Aber es ist eine wunderbare Erfahrung, die Welt nur in so kleinen Ausschnitten wahrnehmen zu dürfen und selbst kaum gesehen zu werden.

8. Station: Spiegelwand

Leider gerade kaputt: Der Seilzug

Die Idee dahinter: Die Rückkehr in den Alltag.

„Ich komme wieder ins Leben zurück, das Leben nimmt mich zunehmend in Beschlag. Das kostet Kraft, denn ich muss wieder eine eigene, selbstständige Persönlichkeit entwickeln, mich und meine Rolle in einem veränderten Leben finden. Die Menschen, die wir lieben, weisen unseren Gefühlen eine Richtung. Sie sind der Spiegel, in dem wir uns selbst sehen. Sie sind auch die Platzanweiser, die uns eine Rolle und eine Bedeutung im Leben zuweisen. Wenn der andere tot ist, sehe ich mich allein im Spiegel. Ich bin wieder auf mich selbst angewiesen. Das Zurückkehren in das Leben und in das Miteinander und das soziale Gefüge kostet mich Anstrengungen.“

Unsere Erfahrung: Leider kaputt – der Mechanismus, mit dem man sich k

aftraubend an einem Seil Richtung Spiegel hätte ziehen sollen, ist leider defekt.  Aber man sieht wohl, was hätte passieren können.

Fazit

Im nord-westlichen Dortmunder Stadtteil Mengede ist diese schöne Parcour-Idee zu entdecken, die in jedem Fall einen Besuch wert ist. Es tut einfach gut, über die schwierigen Phasen des Lebens, nämlich den Umgang mit Verlusten, so offen zu sprechen- draußen, an der frischen Luft. Am Schluss ahnt man: Diesen Weg bin ich auch schon gegangen, oder werde ich noch gehen und am Schluss werde ich eine andere sein.

Am Schluss eine andere sein

Alle Infos zum Trauerparcour
Text und Fotos: Beate Schwedler

 

 

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